Krötenschlucken? Nein, Danke! – Das folgsame Kind in uns

  • Vom Krötenschlucken und dem artigen Kind in uns

Das folgsame Kind in uns

Wahrscheinlich kennen Sie niemanden, der das „Krötenschlucken“ so bereitwillig praktiziert wie meine Freundin Lisbeth! Vor ein paar Tagen hat sie es gerade wieder einmal unter Beweis gestellt: Eigentlich wollte ich mit ihr nur etwas plaudern, als ich sie anrief. Ihr entnervtes „Hallo!“ machte allerdings sofort klar: Lisbeth war im Stress! Ihre Stimme ging unter in hysterischem Hundegekläffe. Aha, ihre Nachbarin hatte sie also mal wieder voller Verzweiflung gefragt, ob sie ihr „wohl den Gefallen tun würde, ihren Hund kurz zu hüten!“ Ich kannte das schon. Aus unerfindlichen Gründen spielte der jedes Mal verrückt, sobald Lisbeths Telefon klingelte. Solange das Gespräch dauerte, sprang er wie von Sinnen kläffend herum und war durch nichts zu beruhigen. Lisbeth sollte einfach nur aufhören zu telefonieren. Meine Frage, wann man sie von diesem Tier denn wieder befreien würde, musste ich zweimal wiederholen. „….dauert heute länger, sie geht nach dem Yoga noch zum…..“ Bitte, wohin? „zum Frisöööör! Ich ruf dich an, wenn….Oh nein, Kessi! Bitte nicht!…“ Den Rest konnte ich mir nur denken – Kessi hatte vor lauter Frust und Aufregung garantiert wieder einen See produziert!

Wie gesagt, mir war das alles nicht neu. Ich wusste, dass Lisbeth sich auch dieses Mal schwören würde, den Hund so bald nicht wieder zu hüten. Am liebsten wollte sie dieser Nachbarin sowieso endlich einmal sagen, dass ihr unerzogener Hund eigentlich eine Zumutung ist! In Wahrheit grauste ihr aber schon allein bei dem Gedanken daran, das über die Lippen zu bringen. Außerdem schwor die Nachbarin hoch und heilig, ihren Hund noch nie so erlebt zu haben. Dass sie ihn allerdings nicht allein lassen mochte und nur selten irgendwo mit hinzunehmen wagte, weckte immerhin gewisse Zweifel an ihrem Schwur. Nein, Lisbeth wollte sich lieber eine Ausrede überlegen – ihr war bisher nur noch keine passende eingefallen. Ach, was solls, seufzte sie in solchen Momenten: Sie gießt meine Blumen und nimmt die Post aus dem Kasten, wenn ich weg bin. Außerdem tut sie mir leid und Kessi ist doch eigentlich ganz süß, wenn ich nicht gerade telefoniere…..

Manche Gefallen setzen das Krötenschlucken voraus

Tja, es gibt eben solche und solche Gefallen! Wenn Ihr Nachbar, ein guter Bekannter oder Freund Sie um einen Gefallen bittet, ist das eigentlich ja nichts Besonderes. Schließlich bitten Sie selbst hier und da sicher auch mal jemanden um einen Gefallen. Wenn ein Bekannter Sie nun aber um einen Gefallen bittet, der für Sie eigentlich eine Zumutung ist – was dann? Wenn Ihnen die Geschichte mit Lisbeth und dem Hund völlig wesensfremd erscheint und Sie denken: Wie kann man denn so blöd sein?! – dann wüssten Sie natürlich, wie Sie sich selbst an ihrer Stelle verhalten würden. Aber Vorsicht: bei anderen meint man genau zu wissen, wie man es klugerweise selbst machen würde! Sollte Ihnen an Lisbeths Geschichte allerdings etwas bekannt vorkommen, dann kennen Sie wahrscheinlich diesen unangenehmen Zustand: Sie wissen nicht, über wen Sie sich mehr ärgern sollten: Über die Person, die Ihre Hilfsbereitschaft so schamlos in Anspruch genommen hat, oder über sich selbst. Wieder einmal haben Sie es zugelassen, dass ein anderer Ihre Gutmütigkeit glattweg ausgenutzt hat. Glauben Sie nur nicht, dass es Ihnen allein so geht! Sie sind umgeben von Menschen, die diese Erfahrung mit Ihnen teilen! Es spricht nur niemand darüber. Manchmal wird eben lieber stumm eine fette Kröte geschluckt, als sich dem Blick seines Gegenübers auszusetzen, in dem man den Vorwurf zu sehen glaubt: Du kleinkarierter Geizhals! Du egoistische Zicke! Du Spießer…..!

Geärgert wird sich im Stillen

Nein, die Kröte wird geschluckt und geärgert wird sich im Stillen: Warum habe ich nicht einfach nein gesagt? Ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen! Warum habe ich auch noch ein freundliches Gesicht dazu gemacht? Dieser Zustand wird sich so lange immer wieder aufs Neue einstellen, bis Sie erkannt haben, wo die Ursache Ihres Problems liegt. Die eigentliche Ursache Ihres Ärgers ist nämlich nicht die Person, über die Sie sich gerade ärgern! Natürlich ist sie mit ihrer anmaßenden Übergriffigkeit der momentane Anlass zum Ärger. Aber in Wirklichkeit ist diese Person nur der Auslöser eines alten Programms, das sich schon lange „auf der Festplatte“ befindet. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin: Aber bestimmte Merkmale unseres heutigen Verhaltens haben ihren Ursprung in prägenden Erfahrungen, die seit unserer Kindheit emotional in uns verankert sind. Wie in einem lästigen Schadprogramm haben wir mit ihnen etwas abgespeichert, das zu unserer heutigen Bereitschaft wurde, es anderen Personen zu gestatten, anmaßend und übergriffig mit uns umzugehen. Als Erwachsene reagieren wir auf Erwartungen anderer dann immer noch so,wie wir es in der Kindheit einmal gelernt haben, als wir gezwungen wurden, folgsam zu sein. Wie es uns dabei ging, hat damals niemanden interessiert. Aber heute können wir uns selbst dafür interessieren – wir müssen uns nur daran erinnern. Versuchen Sie es doch einfach einmal! Es könnte sein, dass Sie sich in dem Kind, das Sie damals waren, wiedererkennen können.

Die heutige Situation mag trivial erscheinen, aber sie lässt uns etwas erkennen: Wir sind in dem Moment emotional erpressbar und verhalten uns wie ein „folgsames“ Kind: Wir fügen uns, um den Druck loszuwerden, den eine andere Person mit ihrer Erwartung in uns erzeugt. Mit dieser Erkenntnis werden Sie schon bei der nächsten Gelegenheit Ihr Gegenüber ganz klar als bedenkenlos eigennützig wahrnehmen! Die Person werden Sie nicht ändern können, aber Sie haben es selbst in der Hand, ob Sie sich ihr zur Verfügung stellen wollen.

Wann immer Sie in Zukunft um einen Gefallen gebeten werden: Tun sie es gern oder lassen Sie es! Aber hören Sie auf, freiwillig Kröten zu schlucken!

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