Neurowissenschaft und emotionale Erpressung

  • Neurowissenschaft und emotionale Erpressung

Neurowissenschaft gibt Einblicke in unsere Emotionalität

Auch wenn es z.Z. keine wissenschaftliche Abhandlung gibt, die sich ausdrücklich mit dem Thema „emotionale Erpressung“ befasst, möchte ich die Erkenntnisse der Neurowissenschaft hinzuziehen:  Soweit sie in einem Zusammenhang mit dem Thema stehen, geben sie einen Einblick in das Geschehen unserer Emotionalität, wenn sie unter Druck gerät.

Verstand und Handlungsgedächtnis

In der Neurologie werden das Handlungsgedächtnis und das Erfahrungsgedächtnis unterschieden. Automatisierte Entscheidungs- und Steuerungsprozesse sind das Ergebnis gezielter Einübung: Jeder Autofahrer wird sich an die ersten verzweifelten Versuche erinnern, alle Hebel, Knöpfe und Pedale in einen koordinierten Ablauf bringen zu wollen: Erst durch die mentale Hilfe äußerster Konzentration wurden die richtigen Handlungsabläufe eingeübt.

In dieser Phase des Einübens werden die Informationen an den Thalamus (zentrale Schaltstelle im Gehirn) geliefert und an die Großhirnrinde weitergeleitet, die daraufhin sensorisch, kognitiv und motorisch aktiviert wird. Je besser die Handlungsabläufe eingeübt sind, umso weniger muss die Abfolge einzelner Aktionen überlegt werden: Die Aktivität der Großhirnrinde verlagert sich in die Basalganglien, die zusammen mit dem Kleinhirn das Handlungsgedächtnis heranbilden. Bis zu 90% unserer alltäglichen Handlungen und Entscheidungen werden von dort aus gesteuert (Roth 2008).

Solange keine neurologische Krankheit oder Verletzung im Spiel ist, wird der Autofahrer selbst nach langer Pause die einmal „eingeübten“ Handlungsabläufe aus seinem Handlungsgedächtnis wieder abrufen können. Selbst den veränderten Anforderungen in einem anderen Auto wird er sie ohne große Probleme anpassen können.

Emotionen und Erfahrungsgedächtnis

Während sich bewusste Vorgänge also auf der kortikalen Ebene vollziehen, spielen sich unbewusste Vorgänge auf der subkortikalen Ebene im limbischen System ab. Die hier entstehenden Gefühle und Emotionen, wie Wut, Angst, Aggression oder Lust, werden von dem Hirnforscher Gerhard Roth (2001) als primäre Affekte bezeichnet. Sie laufen unbewusst ab und sind nur schwer zu steuern oder zu beeinflussen, weil sie sich außerhalb der verstandesmäßigen Reichweite ereignen.
In diesem subkortikalen System befindet sich das „emotionale Erfahrungsgedächtnis“ (Roth 2001), das wie ein individuelles Bewertungssystem arbeitet und alles emotional abscannt und bewertet. Das gilt sowohl für das eigene Tun wie auch für das anderer Menschen.

Roth (2007) bestätigt, dass vieles von dem, was Menschen hoffen, fühlen und wollen, außerhalb der Reichweite ihres bewussten Verstandes entschieden wird.
Für LeDoux (1996) umfasst ein emotional erlebtes Ereignis sehr viel mehr als das, was dem menschlichen Geist bewusst ist. Die Tatsache, dass Emotionen, im Gegensatz zu Gedanken, mit körperlichen Reaktionen verbunden sind (Herzklopfen, Gänsehaut, Kloß im Hals, Druck im Magen…), führen Wissenschaftler auf die hohe Aktivität zahlreicher spezifischer Gehirnsysteme zurück, die mit bestimmten Körperorganen interagieren (Damasio, 1994). Neurowissenschaftler um Justin Feinstein (2010) haben mit ihrer Studie nachgewiesen, dass solche Ereignisse „vergessen“ sein können, die ursprünglich durch sie ausgelösten Gefühle aber dennoch weiter existieren. Sie untersuchten Amnesie-Patienten (Hippocampus-Geschädigte), die ihr Erinnerungsvermögen durch eine Hirnschädigung verloren hatten. Während der Studie stellten sie fest, dass die gezeigten Filme und Bilder, mit denen zuvor Emotionen ausgelöst worden waren, zwar nicht mehr erinnert wurden, dass die durch sie ausgelösten Emotionen aber weiterhin in den Patienten vorhanden waren.

Das Ergebnis dieser Studie fand weltweit Beachtung, weil es für den Umgang mit Alzheimer- bzw. Demenz-Patienten von weitreichender Bedeutung ist.

Warum Emotionen schneller sind als der Verstand

Im Hinblick auf die „emotionale Erpressung“ gibt es folglich einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Handlungsgedächtnis und dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis: Während Handlungsabläufe mental „eingeübt“ werden können und dann kortikal im Handlungsgedächtnis abgespeichert werden, haben wir keinen mentalen Einfluss auf unsere Emotionen. Sie werden  im emotionalen Erfahrungsgedächtnis auf der subkortikalen Ebene im limbischen System abgespeichert und dort „gefühlsmäßig“ bewertet: Der Mensch fühlt sich in allen möglichen Färbungen gut oder schlecht. Als unbewusste Motive steuern unsere Emotionen von hier aus unser Entscheidungsverhalten.

Die Erklärung, warum alle guten Vorsätze unter emotionalem Druck immer wieder wie Seifenblasen zerplatzen, liefern neuroanatomische Forschungsergebnisse: Im zerebralen Geschehen haben Emotionen die Dominanz über den Verstand (G. Roth 2001). Sie nehmen einen anderen zerebralen Weg als Gedanken und haben aufgrund stärker dimensionierter Nervenbahnen (von den Mandelkernen zum Großhirn) Vorrang vor der Kognition. Oder anders ausgedrückt: Emotionen haben ein anderes Tempo als der Verstand – sie sind einfach schneller.
Zusätzlich werden unter emotionalem Druck Botenstoffe ausgeschüttet, die zu schnellen Reaktionen führen und das Denken dabei umgehen. Wegen der komplexen Verknüpfung mit neurologischen Abläufen sind die Reaktionen nicht ohne weiteres beeinflussbar und anpassungsfähig.

Wie die Opferrolle beendet werden kann

Wenn aus neurowissenschaftlicher Sicht der verstandesmäßige Zugriff auf Schuldgefühle, Verlust- und Versagensängste nicht möglich ist, das Opfer der Erpressung aber unter dem Druck solcher Emotionen steht, stellt sich die Frage: Was kann es tun, um aus diesem Kreislauf auszusteigen und seine Opferrolle zu beenden?

Der Schlüssel liegt im „emotionalen Erinnern“ (emotional memory) bestimmter Ereignisse, die sich in der Vergangenheit einmal mit diesen Emotionen verknüpft haben und sich seitdem im „emotionalen Erfahrungsgedächtnis“ verborgen halten.
Ist dieser Prozess des emotionalen Erinnerns und (Wieder-)Erkennens einmal in Bewegung gekommen, gewinnt die Sicht auf manch rätselhafte eigene Reaktion und Verhaltensweise in der Vergangenheit an Klarheit: Es ist wie ein Déjà-Vu – ein Wieder-Erkennen längst vergessener Gefühlszustände und Emotionen, die von nun an als Boten des eigenen unbewussten Erfahrungsgedächtnisses erkannt werden können. Ihre Botschaften wollen nur ernst genommen, verstanden und gedeutet werden.

Quellen:

Roth, Gerhard (2001) Fühlen, Denken, Handeln: Klett-Cotta
Roth, G. (2007) Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten:
Klett Cotta
Roth, G. (2008) Nachwort zu „Schaltstelle Gehirn“ ZEIT Wissen
Edition
LeDoux, J. (2001) Das Netz der Gefühle: DTV
Damasio, A.R. (1995) Descartes´ Irrtum – Fühlen, Denken und das
menschliche Gehirn: Ullstein
Feinstein, J. et al. (2010) Sustained experience of emotion after loss of memory in patiens with amnesia: PNAS, USA

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